Gerade ging Karl Otto durch den Raum

Gerade ging Karl Otto durch den Raum

Ich bin jetzt in den Jahren, in denen der Tod immer näher kommt. Schon lange teile ich meine Gedanken und mein Gedenken auf zwischen denen, die gestorben, und denen, die noch hier sind. Die erste Gruppe wächst erschreckend schnell, die zweite schwindet dahin. Mein Geburtsjahr sagt mir, dass es nicht mehr so weit sein kann bis zum Unvermeidlichen und auch Undenkbaren. Wieviele Jahre noch? Vier oder fünf? Zehn wären schon eine ganze Menge, nicht viele werden so alt. Manchmal steigt das ungute Gefühl auf, dass es schon ganz nahe sein könnte.

Dabei habe ich eigentlich keine Angst vor dem Tod. Ich habe Menschen, die mir nahestanden,  beim Sterben begleitet, ich war mir sicher, dass sie in ein Licht hinaufgingen und nicht wirklich verschwanden. Danach schickten sie mir noch eine Weile leuchtende Zeichen, die ich spürte wie einen Hauch, einen kleinen Blitz, ein Augenzwinkern. Auch habe ich viele Berichte über Nahtoderfahrungen gehört und gelesen, die immer als sehr beglückend beschrieben wurden.

Der Dichter Karl Otto Mühl, der 97jährig starb, sagte einmal sinngemäß, das Leben sei schön und herrlich, aber man solle erstmal abwarten, was danach kommt. Dass das erfreulich zu werden verspricht, war seinem verschmitzten Lächeln anzusehen. Das letzte Buch Karl Otto Mühls „Mein Leben als Greis“ schenkt uns eine Gebrauchsanleitung zum Altern, leichthändige Etuden über den Tod und das Leben davor, das er bis bis zum letzten Moment auskostete.

Das Loslassen ist ein zentrales Thema in diesem Alterswerk, das Abwerfen von Ballast, das Annehmen der Beschränkungen des Alters. „Heute müsste schon einiges passieren, ehe ich wieder tanze,“ schreibt Karl Otto, „es scheint keinen Trost zu geben für einen fünfundneunzigjährigen Halbblinden.“ Und an anderer Stelle: „Das größte Abenteuer steht mir ja noch bevor, das Sterben.“

Er war ein kleiner Mann, der fränkisch das R rollte und mit einem Bein im Himmel, mit dem anderen überall auf der Welt stand, wo sie schön war, aktiv, lebendig, reich gesegnet, klug, voller Menschenliebe. Er war spirituell und glaubte an etwas Göttliches, gönnte aber jeder Kultur ihren eigenen Gott. Für sich selbst nahm er den Gott der Poesie in Anspruch. Seine Liturgie war die Sprache, Achtung vor den Mitmenschen und Transzendenz sein Glaubensbekenntnis. Für ihn mündete das Leben nicht in ein Ende aus Verzweiflung, Angst und Not, sondern in die Gewissheit eines neuen Aufbruchs.

So ist es nicht verwunderlich, dass er immer mal wieder auftaucht mit seiner Schlägermütze auf dem zerzausten Greisenhaar, in dem der Schalk hockt. Auch andere Dichterfreunde sehen ihn und manchmal sagt jemand: „Gerade ging Karl Otto durch den Raum.“ Was keinen wundert.

Die Frage bleibt aber: Wo ist er jetzt? Gehen wir alle dorthin, sind das heimische Gefilde? Sehen wir uns dort wieder? Ist es ein Ort, ein Zustand? Und was ist mit Gott? Sitzt er da oben weißhaarig auf seinem Thron, um sich versammelt die gestorbenen Seelen? An dieses altbackene, wenn auch romantische Bild kann ich nicht glauben.

Ich sehe mir gerne Dokumentationen über die Geheimnisse des Weltalls an, die unvorstellbaren Weiten, in die Weltraumteleskope seit vielen Jahren vordringen, ohne bis jetzt an ein Ende gekommen zu sein. Sie senden Bilder zur Erde und entzaubern ein Geheimnis nach dem anderen. Sie zeigen uns Sterne, deren Licht über 13 Milliarden Lichtjahre entfernt und wahrscheinlich längst erloschen ist, vielleicht eingesaugt von einem schwarzen Loch oder explodiert in einer Supernova.

Gerade reist der Mensch wieder ins Weltall hinauf und sondiert die Möglichkeiten für eine Basis auf dem Mond. Die letzte Mondmission schenkte uns Bilder einer aufgehenden Erde vor der Kulisse der Unendlichkeit, unser Planet – ein Stern unter vielen in blauem Glanz, ein Diamant.

Die Weite des Weltraums entzieht sich unserer Vorstellungskraft, weil wir kein Ende sehen. Wir können nicht sagen, da oder dort befindet sich eine Ecke, ein Platz, an dem die gestorbenen Seelen sich ausruhen. Vielleicht sind diese Bereiche aus einer Materie, die wir noch nicht kennen oder sehen können, und doch müssen sie da sein, weil sie uns manchmal streifen. Nicht nur ich mache diese Erfahrung, ich höre sie auch von anderen, die nahestehende Menschen verloren haben.

Die bitterste Erfahrung mit dem Tod machte ich, als meine beste Freundin starb. Wir waren  beide dreißig, in einem Alter, in dem der Tod noch weit jenseits aller Vorstellungen liegt. Der Krebs tötete sie innerhalb eines Jahres, sie schwand im wahrsten Sinne des Wortes vor meinen Augen dahin. Ich träumte von ihr in der Nacht, als sie starb, dass sie in ein weisses Licht ging. Danach sprach ich noch wochenlang mit ihr und schrieb ihr Briefe. Viele Jahre war ich untröstlich über ihre Abwesenheit in meiner Welt, und doch wusste ich, dass sie nicht spurlos verschwunden war.

Jedesmal, wenn ich einen Menschen sterben sah, war es ein großes Geschenk. Die Ruhe, wenn die Atemzüge aufhören, die Glücksseligkeit in den Gesichtern. Keine Frage, dass die Palliativmedizin viel dazu tut, um dem Tod seinen Schrecken zu nehmen, niemand muss mehr unter starken Schmerzen und Atemnot sein Leben aushauchen.

Vor vielen Jahren, als ich noch am Hombüchel wohnte, habe ich schon einmal über den Tod und den Himmel geschrieben. Da hatte ich einen Balkon, von dem aus ich weit über die Stadt sehen konnte und der sich ständig wandelnde Himmel meine Kulisse war. Das war eine Zeit, als mehrere Menschen starben, die ich gut kannte.

Ich sehe sie als Amöben aus Licht, schrieb ich damals, fließende Gestalten, deren Abbilder in Platten aus Licht gefräst sind. Immer schicken sie ihren luftigen Trost, ihre allumfassende Weisheit, ihren Atem aus weißleuchtender Energie. Ihre Stimmen hallen groß und klar im unendlichen Raum… .

Viele Jahre war ich mehr mit dem Leben beschäftigt, als mit dem Tod. Manchmal war es schwer und ich wünschte mir Auswege, manchmal zog ich auch den Tod in Erwägung. Aber die Vorstellung, dass dann alles vorbei ist, konnte ich nicht aufrecht erhalten, denn mir wurde klar, dass der Tod nicht NICHTS ist, sondern nur ein anderes Stadium unserer Existenz.

Der Zufall, der natürlich keiner war, wollte es, dass ich einige Buddhisten kennenlernte, die den tibetischen Ritus ausübten. Sie wiesen mich in ihre Praxis ein, ich lernte Mantras und las im Totenbuch der Tibeter. Ich kann nur raten, immer mal einen Blick da hineinzuwerfen, es scheint mir eine gute Vorbereitung auf das zu sein, was auf uns alle zukommt.

Ich lernte den tibetischen Lehrer Tenga Rinpoche kennen, dessen Ausstrahlung unbeschreiblich war  und dessen Blick mich segnete. Ihr seid alle erleuchtet, sagte er, wenn ihr die Wolken vorbeiziehen lasst, steht der Himmel euch offen.

Noch einmal zurück zu Karl Otto Mühl, der so hellsichtig, poetisch und heiter seine letzten Jahre und Monate beschrieb: Das Leben, wenn es wie meines dem Ende zugeht, kann einen geheimnisvollen Glanz bekommen, verriet er, und erzählte von einem Traum, in dem rote Vogelschwärme über die Insel Lesbos flogen. Und sein künstlerisches Tun und sein Humor erleichterten bis zum Schluss die Beschwernisse des Alters: Ich versuche, so oft wie möglich an diesem Manuskript und am Tagebuch zu arbeiten. Und jetzt plane ich eine Reihe von Hopsern auf dem Trampolin.

 

 

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