Die zornige Amsel
Ihr Schreien war wütend, wild und abgehackt, schrill, panisch. Mit abgespreizten Flügeln hockte sie auf meiner Balkonbrüstung und wippte mit dem steil nach oben gereckten Schwanz. Und dann hörte ich durch ihr Geschrei ein anderes Geräusch, den Grund für die Empörung der Amsel. In unseren Hinterhof war ein Bagger eingefallen und hatte begonnen, den Rasen in großen Platten abzubaggern. Ich begriff es zuerst gar nicht, das konnte doch nicht sein, mitten im Frühling, in der Brutzeit der Vögel. Ich hatte die Amsel oft über den Rasen hüpfen sehen, es war ihr Revier voller Würmer und Insekten, mit denen sie ihre Jungen großziehen wollte. Das wurde jetzt vor ihren Auge in Trümmer gebaggert, um später mit Steinen zugepflastert zu werden, für Parkplätze.
So hatte es die Wohnungsgesellschaft, der unsere Wohnungen gehören, beschlossen. Als Reaktion darauf, dass unsere Straße zu einer vermeintlich umweltfreundlichen Fahrradstraße mit weniger Parkplätzen umgebaut wurde, ließen Hausbesitzer ihre Innenhöfe pflastern und vermieteten Parkplätze, sieben Stück alleine in unserem Hof. Mitten im Lebensraum der Amsel und all der anderen Vögel, die bei uns den Sommer verbringen und Konzerte von den großen Baumkronen herab singen, die unser ganzes Karee erfüllen.
Die Nachbarin im Parterre, die eine kleine Terrasse hat, auf der es grünt und blüht, sah sich nun mit sieben PKWs in unmittelbarer Nachbarschaft konfrontiert, sie weinte, als der Bagger rollte und Rasenplatte um Rasenplatte abfräste.
Die Amsel machte den ganzen restlichen Tag Krawall, sie tat mir leid, aber es gab nichts, was ich für sie tun konnte. Ich hoffte, dass sie sich beruhigen würde, so wie wir Hausbewohner uns beruhigen mussten über den Frevel, der unserem grünen Innenhof in der Häuserschlucht der Nordstadt angetan wurde.
Aber dann tat die Amsel etwas, das mir mächtig imponierte und mich sechs Wochen lang nicht nur zum Lachen brachte, sondern auch in Bewegung hielt. Jeden Morgen machte sie mir klar, dass sie den Verlust ihres Rasens nicht kampflos hinnehmen wollte.
Die ersten Male konnte ich mir keinen Reim darauf machen, was auf meinem Balkon geschah: Die hellen Bodenplatten waren mit einer gleichmäßigen Schicht feiner schwarzer, wie durchgesiebter Erde bestreut.
Das Ritual vollzog sich sechs Wochen lang jeden Morgen. Meine Amsel musste sich vor Tau und Tag ans Werk machen, denn wenn ich aufstand, war alles getan. Der Boden war mit einer gleichmässig dünnen Schicht meiner Blumenerde zugestreut, von der Amsel nichts zu sehen. Was ich sah, waren Mulden zwischen den Pflanzen in meinem großen Blumenkasten, in denen sie morgens ganz offensichtlich ein Sandbad nahm. Die Kuhlen wurden jeden Tag größer und drängten die Pflanzen zur Seite.
Ich fegte fluchend regelmäßig die Bescherung weg. Die Amsel verrichtete immer ganze Arbeit, kein Fleck des Balkonbodens blieb unbedeckt. Nach sechs Wochen hatte ich die Nase voll und spickte die Sandmulden mit Steinen und Holzstäben. Am Anfang suchte sie sich Ausweichplätze, die ich auch verrammelte, dann gab sie es auf. Ich weiss nicht, wo sie hingezogen ist, aber ich denke oft an das kleine zornige Wesen, das vergeblich versucht hat, sein Revier gegen die Menschenwelt zu behaupten.