Alli
Die Mutter meiner Klassenkameradin Alice Wissmann hatte ein Madonnengesicht: Braune, feuchte, von dunklen Wimpern eingerahmte Augen, eine gerade Nase mit Nasenflügeln, die manchmal zitterten, wie bei einem witternden Hund. Aus ihrem goldblonden Haarknoten wagte sich keine Strähne hervor. Ich nannte meine Freundin Alli, wenn wir alleine waren, sie sagte Liesel zu mir, das klang zärtlicher als Liselotte, mein richtiger Name. Alli sah ihrer Mutter überhaupt nicht ähnlich. Sie hatte eine spitze Nase, ihre hellblauen Augen mit einem schwarzen Kranz um die Pupille zwinkerten missmutig.
Alli hatte kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, sie nannte sie eine dumme Kuh, natürlich nur, wenn wir alleine waren. Sie weigerte sich auch, sie Mutti nennen, wie es verlangt wurde, sondern sprach von M, und auch das nur, wenn es unumgänglich war.
Im Lauf der zwei Jahre, in denen ich mit Alli befreundet war, hörte sie auf, ihre aschblonden Haare zu kämmen und wuschelte sie durcheinander, bis verfilzte Nester entstanden. „Hexenkopf,“ schimpfte M und befahl ihrer Freundin und Mitarbeiterin Nicolette, Nico genannt, Allis Haare in ihrer Gegenwart kräftig auszubürsten. Alli ließ dabei den Kopf hängen, der von Nicos Bürstenstrichen hin und her geschleudert wurde. Alli ertrug es stoisch, wuschelte aber sofort weiter, wenn wir wieder allein waren.
Alli hatte einen richtigen Hass auf ihre Mutter. „Die stinkt“, ekelte sie sich, weil M sich gegen ihre Migräneanfälle, die regelmässig einmal im Monat auftraten, mit Apfelessig einrieb, und Essig war für Alli das Schlimmste überhaupt. Sie musste würgen, wenn nur ein Hauch davon in der Luft lag. „Alice stellt sich an,“ war ein geflügeltes Wort von M und Nico, und wenn es Salat zum Mittagessen gab, natürlich mit Essig angemacht, wurde er Alli direkt vor die Nase platziert, „damit sie es lernt,“ war Ms hämischer Kommentar.
Nachmittags musste Alli pünktlich um vier bei ihrer Mutter und Nico antanzen, um Hausaufgaben, Fingernägel und Ohren vorzuzeigen. Nico führte die Kontrollen durch und zog, wenn nicht alles pikobello war, auf M’s Nicken hin Allis Ohren lang und drehte sie. Ihre abstehenden Löffel, wie M grinsend sagte, leuchteten dann rot aus ihrem strubbeligen Haar. Ich bekam diese demütigende Prozedur ein paar Mal mit, Alli tat mir leid und ich wäre danach am liebsten nach Hause gegangen. Aber das hätte Alli zusätzlich gekränkt, und so blieb ich, allerdings zunehmend ungern.
Alli erzählte mir, dass ihre Mutter und Nico für einen Verein arbeiten, der sich um Menschen kümmerte, die unschuldig im Gefängnis saßen.
„Sie haben schon drei freibekommen,“ sagte sie einmal mürrisch, „ich frage mich nur, warum die alle sitzen, ins Gefängnis kommt man doch nicht einfach so.“
Nico sah häufig nach uns, wenn wir spielten, mit ihren schwarzen Zöpfen, die sie als Kranz um den Kopf gelegt hatte, wirkte sie wie eine düstere Gretel aus dem Märchen. Wenn sie lachte, wurde sie hübsch und strahlend, aber das kam selten vor.
Dass Alli häufig den Unmut ihrer Mutter hervorrief, lag einerseits an den Haaren, andererseits an ihren bis auf den Grund abgekauten Fingernägeln und daran, dass sie sich zwanghaft die Lippen leckte, wovon sie einen roten, wunden Kranz um den Mund herum bekam. Das Schlimmste für M waren jedoch Allis Sommersprossen. Sie musste ihr Gesicht jeden Abend mit Drula Bleichwachs einreiben. Davon verschwanden zwar die Sommersprossen, aber die Salbe verursachte brennende und juckende Flechten auf Allis Haut. „Ein Gesicht wie ein Streuselkuchen,“ regte Alli sich auf, weiß vor Wut, „sowas sagt man doch nicht zu seinem Kind.“
Als wir dreizehn wurden, sollte Alli mit M zum Friseur gehen und sich eine Dauerwelle machen lassen, das sei das einzige, womit man auf ihrem Kopf etwas ausrichten könne. „Ich krieg nen Schreikrampf,“ geiferte Alli, „die ist plemplem. Ich laufe doch nicht rum wie ein Pudel.“
Wie bei mir zuhause gab es auch bei den Wissmanns keinen Vater. „Weiss nicht, wo der abgeblieben ist,“ sagte Alli, „vermisst oder vom Russen abgeknallt, ist mir auch scheißegal.“
Wenn wir bei Wissmanns in Allis Zimmer spielten, bauten wir uns Höhlen und lasen darin die Zeitschriften, die M abonniert hatte und die wir aus dem Altpapier holten. Es gab weibliche Filmstars mit prächtigen Frisuren und braun gebrannte Männer, aber wir interessierten uns am meisten für die Suchkinder. Auf mehreren Seiten waren briefmarkengroße Fotos von Kindern abgedruckt, ein ganzes Heer von Kindern, das in den Kriegswirren und auf der Flucht seine Eltern verloren hatte. Unser Lieblingsspiel war: Ich wär mal ein Suchkind. Wir wählten aus den Briefmarkenfotos Kinder aus, die besonders niedlich waren, zum Beispiel eine kleine Monika mit großen Augen, einem Stupsnäschen und blonden Locken. Sie war als Dreijährige alleine in einem Flüchtlingstreck gefunden worden, den Namen hatte man ihr im Kinderheim gegeben.
Wir spielten, dass wir verlorengegangen waren, und eine Bauersfrau uns im Schnee gefunden und uns heisse Milch und Grießbrei gegeben hatte. Dann fanden wir unsere Mutti wieder und alles war gut.
Alli wurde allerdings immer schwieriger. Sie kaute weiter ihre Nägel ab, bis ihre stummeligen Finger bluteten, verfilzte ihre Haare immer mehr und ihr Mund leuchtete feuerrot. Mehrmals fing sie Streit mit mir an, sodass ich schließlich nicht mehr hinging. Ich freundete mich mit Renate aus meiner Klasse an, wir gingen nach der Schule zusammen auf die Poststraße und guckten nach Jungs. Alli kam irgendwann nicht mehr in die Schule und ich hörte, dass sie abgemeldet worden war.
Meine Mutter hatte meinen Vater 1953 für tot erklären lassen, um eine Rente als Kriegerwitwe zu bekommen, nachdem sie über den Suchdienst jahrelang vergeblich nach meinem Vater geforscht hatte. Wegen der Todeserklärung hatte sie Gewissensbisse und panische Angst, er könnte eines Tages doch wieder vor der Tür stehen. Immer noch kamen in den 50er Jahren Trupps von so genannten Spätheimkehrern aus Russland, in den Zeitungen gab es rührende Fotos, Umarmungen auf überfüllten Bahnsteigen, vor Glück oder Enttäuschung weinende Frauen, je nachdem, ob sie ihre Männer gefunden hatten oder ob sie wieder nicht dabeigewesen waren.
In den 1960er Jahren waren die meisten Trümmer abgeräumt. Überall wurde gebaut, Heimkehrer gab es auch nicht mehr.
Meine Mutter veränderte sich auf seltsame Weise. Sie lächelte verträumt und sprach wenig, ich wusste nicht, was mit ihr los war. An einem Samstag war sie schon früh auf und putzte die Wohnung. Am Vorabend hatte sie einen Sauerbraten eingelegt, alles roch nach Essig und ich dachte an Alli, die vor Ekel gestorben wäre. Als der Braten im Ofen schmurgelte, wusch Mama ihre Haare und drehte sie mit Lockenwicklern auf. Unsicher eröffnete sie mir dann, dass am Abend Besuch kommen und mit uns essen werde: Sie habe sich mit Horst, dem Pförtner in dem Bürogebäude, in dem sie putzen ging, angefreundet und verstehe sich gut mit ihm . „Er ist versehrt,“ sagte Mama, „ihm fehlt die linke Hand, eigentlich sieht man es kaum. Aber er ist sehr nett, ich glaube, du wirst ihn mögen.“
Wie meinte sie das? Hatte sie was mit dem? Ein Bratkartoffelverhältnis, von dem wir kichernd in der Schule sprachen? Ich war beunruhigt, aber zu Unrecht, wie sich schnell herausstellte.
Der Abend mit Horst verlief angenehm. Ich hatte mir einen der verkrüppelten, übelgelaunten, rotgesichtigen, nach Alkohol und säuerlicher Strenge riechenden Männer vorgestellt, die mit schnarrender Stimme von ihren Kriegserlebnissen schwärmten. Solche waren der Normalfall, aber Horst gehörte nicht zu ihnen. Dass ihm die linke Hand fehlte, merkte man kaum, den Armstumpf versteckte er im Anzugärmel. „Er kriegt bald eine moderne Prothese,“ sagte Mama, „dann sieht man gar nichts mehr.“
Horst hatte eine leise, sanfte Stimme, lächelte freundlich und sprach wenig, trank auch nur ein Glas Wein. Mama zog seinen Teller zu sich herüber und schnitt die Bratenscheiben in Stücke, damit er sie mit der rechten Hand aufgabeln konnte.
Die Stimmung entspannte sich zusehends. Wir sprachen über die Schule – ich war in der zehnten Klasse und stand kurz vor dem Realschusabschluss – und kamen auf den Geschichtsunterricht. Wir hatten den Ersten Weltkrieg gehabt und die Zeit der Weimarer Republik, dann war Schluss. Kein Wort über den Zweiten Weltkrieg.
„Die Ministerien sitzen voller Ex-Nazis, und die Schulen sicher auch,“ sagte Horst, „sollen sie der nachfolgenden Generation von ihren Gräueltaten berichten ?“
Ich hatte das Wort Nazi ein paarmal gehört und wusste, dass es was mit dem Hitler zu tun hatte, der im Krieg an der Macht gewesen war. Es war ein unangenehmes Thema, wenn davon die Rede war, wurden die Blicke starr und man fing schnell von was anderem an.
„Was war das denn mit den Nazis,“ fragte ich, „warum redet da keiner drüber?“
Mama hatte Schweisstropfen auf der Oberlippe, Horst sah sie an.
„Weiss sie nichts?“ fragte er leise und meine Mutter schüttelte den Kopf. „Sag du es ihr, ich kann das nicht.“
„Die Deutschen, tun einfach so, als wäre es nicht geschehen,“ sagte Horst, „dass man mal so damit umgehen würde, hätte ich nicht im Traum gedacht.“
Unterstützt von meiner Mutter erzählte er vom Nationalsozialismus, von Adolf Hitler, dem die Massen zugejubelt hatten und der den Krieg angefangen hatte, von der Diktatur, der Rassenlehre, den Angriffskiegen, von der Verfolgung und Ermordung der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der so genannten Asozialen in den Konzentrationslagern. Die Zahlen, die Horst nannte, waren unvorvorstellbar: Wie konnte man das schaffen, sechs Millionen Menschen zu ermorden? Und was war überhaupt der Grund?
Horst erzählte, dass er in Kemna gewesen war, einem der ersten Konzentrationslager der Nazis in der Nähe von Wuppertal, in dem es besonders brutal zugegangen war.
„Ich war Sozialdemokrat,“ sagte er, „das reichte denen, um uns einzusperren, zu foltern und zu quälen.“
Horst berichtete auch über den ersten Frankfurter Prozess gegen die Mörder des Konzentrationslagers Auschwitz, der gerade begonnen hatte, das sei viel zu spät, aber immerhin besser als gar nichts. „Die Taten sollen bald verjähren,“ sagte Horst, „wenn das durchkommt, sind die von heute nicht besser als die Nazis.“
Eines Abends eröffneten Mama und Horst mir, dass sie heiraten wollten und wir zusammen in eine kleine Neubauwohnung am Hombüchel ziehen würden. „Drei Zimmer, Küche und ein eigenes Bad mit Toilette,“ strahlte Mama, „Neubau, stell dir mal den Luxus vor. Und du kriegst ein Zimmer ganz für dich allein.“
Sie heirateten 1965, als ich mein Abitur hinter mir hatte, und wir zogen zum Hombüchel. Ich wusste nicht, was ich werden sollte und nahm einen Job als Verkäuferin an.
Kurz nach der Hochzeit brachte Horst von seinem Nachtdienst eine Zeitung mit, die er auf dem Tisch ausbreitete. Der Aufmacher war das Urteil in dem Frankfurter Auschwitz-Prozess.
„Sechs mal lebenslänglich,“ sagte Horst, „zehnmal Zuchthaus. Aber drei Freisprüche aus Mangel an Beweisen. So richtig viel ist das nicht für sechs Millionen Opfer.“
Neben dem Artikel waren Fotos abgedruckt: Ein Berg aus nackten, ausgemergelten Leichen mit schwarzen Augenhöhlen, hingeworfen wie ein Haufen Abfall. Und ein zweites Bild: Menschen, die aus einem Viehwaggon steigen und Bündel bei sich tragen: alte Leute, Frauen mit kleinen Kindern.
Viele seien gleich nach ihrer Ankunft vergast worden, berichtete Horst fast tonlos, nachdem man sie ausgeraubt habe. Frauen habe man die Haare abgeschnitten, aus denen Perücken gemacht werden sollten. Viele der Wertsachen hätten die SS-Leute mit nach Hause genommen und ihre Frauen hätten sich in den Pelzen und dem Schmuck der Opfer gesuhlt.
Einige Wochen später brachte Horst wieder eine Zeitung mit. „Sie haben den Volz geschnappt,“ sagte er triumphierend, „Gerhard Volz, der war stellvertretender Kommandant im KZ Buchenwald und ist abgehauen, bevor die Russen das Lager befreit haben. Volz war einer von den ganz Schlimmen, er soll Hunderte an der berühmten Todeswand von Buchenwald erschossen und sich nach Kriegsende nach Ägypten abgesetzt haben. Jetzt haben sie ihn in Wuppertal geschnappt.“
Horst strich die Zeitung glatt und zeigte mir das Porträtfoto eines uniformierten blonden Mannes mit schnurgradem Scheitel, dem eine Haarsträhne über die Stirn fiel. Es durchfuhr mich, die Ähnlichkeit war frappierend. Der Mann hatte Allis spitze Nase und ihre hellen Augen mit dem schwarzen Kranz in der Mitte.
„Was wollte der in Wuppertal?“ fragte ich, „wieso kam der gerade hierher?“
„Scheinbar wollte er seine Familie besuchen, seine Frau war eine geborene Wissmann. Das waren reiche Fabrikanten und stramme Nazis, die haben ordentlich am Zweiten Weltkrieg verdient. Volz soll sich 1945 nach Ägypten abgesetzt haben.“
„Ich wette, dass das der Vater von Alli ist,“ sagte ich, „ihr Nachname Wissmann und sie sieht diesem Volz total ähnlich.“
„Die Wissmann soll für die Stille Hilfe arbeiten, das ist ein Verein, der alte Nazis aus dem Gefängnis loskauft und ins Ausland schleust.“
Ich hatte lange nicht an Alli gedacht, aber ich sah sie gleich wieder vor mir, ihre Wildheit, ihre großen Augen, ihre Haarnester, der ausgefranste, wunde Mund.
1968 entschloss ich mich, ein Volontariat bei einer kleinen Wuppertaler Zeitung zu machen. Neue Themen standen plötzlich auf der Agenda: Protestierende Studenten, weitere Prozesse gegen NS-Täter, die Gründung von Kinderläden, in denen Kinder ohne Autorität und Gewalt erzogen werden sollten. Mein Chefredakteur sympathisierte mit der neuen Bewegung und ermunterte mich, nach entsprechenden Themen Ausschau zu halten.
Eines Tages klingelte das Telefon auf meinem Schreibtisch. „Hier ist Alli, Alli Wissmann,“ sagte eine rauhe Stimme, „erinnerst du dich? Ich habe gelesen, dass du jetzt für die Zeitung schreibst.“
„Alli,“ sagte ich, „du lieber Himmel, wie lange ist das jetzt her? Was machst du, wie geht es dir?“
„Nicht am Telefon, können wir uns treffen?“
Wir verabredeten uns in einem kleinen Cafe, ich war aufgeregt und gespannt, was aus Alli geworden war.
Ich erkannte sie zuerst kaum, als sie zehn Minuten nach mir eintraf. Sie trug einen speckigen Parka, wie die demonstrierenden Studenten. Ihr Haar, das ihr struppig vom Kopf abstand, hatte sie blondiert, ihre Augen mit pechschwarzem Kajal eingerahmt. Ihr Mund war bleich geschminkt und ausgefranst wie früher.
Sie zog ein Päckchen Gauloises aus der Tasche, steckte während unseres Gesprächs eine nach der anderen an und blies mir den scharfen Rauch ins Gesicht.
„Ich bin hier inkognito,“ sagte sie und sah sich dabei in dem Cafe um, das fast leer war, „wenn du über das schreibst, was ich dir gleich erzähle, musst du ein Pseudonym benutzen. Angelika Walter, dachte ich.“
Ich nickte und legte das Diktiergerät, das ich aus der Redaktion mitgebracht hatte, zwischen uns auf den Tisch.
„Es wurde ein gewisser Volz festgenommen, Gerhard Volz, Obersturmbannführer im KZ Buchenwald. Der soll hunderte ermordet haben, seine Spezialität waren Genickschüsse. Der Mann war ein Mörder und ein Schwein und hatte noch nie vor Gericht gestanden.“
Alli steckte sich eine neue Zigarette an und blies Rauchwolken aus, ihre weit aufgerissenen Augen glühten durch den Dampf.
„Das Schwein ist mein Vater. Er ist nach dem Krieg in Ägypten untergetaucht, wie viele der NS-Mörder, gefasst haben sie ihn, als er meine Mutter besuchen wollte. Sie hat geschrien wie am Spieß, als er abgeführt wurde, ich dachte, sie dreht durch. Und dann funktionierte das Schweinesystem doch wieder. Meine Mutter hat einen teuren Anwalt aus Düsseldorf genommen, der auf die Nazitäter spezialisiert ist, er hat einen deal mit der Staatsanwaltschaft gemacht und den Volz freibekommen.“
„Wo ist er jetzt, und wo ist deine Mutter?“
„Argentinien, glaube ich,“ sagte sie gleichgültig, „sie sind beide abgehauen, zusammen mit Nico.“
Alli starrte vor sich hin. „Der Schoß ist fruchtbar noch,“ murmelte sie, „die alten Faschistenhorden geben sich gegenseitig Deckung.“
„Und was meinst du, sollte ich darüber schreiben? Mein Chefredakteur ist zwar links, SPD, aber ich glaube nicht, dass er sowas drucken würde.“
„Und die brave Liesel hält sich natürlich dran, immer schön tun, was der Chef sagt.“ Ihre Stimme war höhnisch.
„Ich nehme an, dass meine Mutter jetzt von Argentinien aus alte Nazis freikauft. Bestimmt machen sie sich ein feines Leben mit dem Nazi-Geld.“ Sie lachte so laut, dass andere Gäste irritiert herübersahen.
„Ich erzähle dir jetzt, was meine Mutter für eine ist.“ Sie sprach leise, hastig und abgehackt, und fixierte mich mit ihren Augen. Was sie erzählte, war kaum zu fassen und ich war mir nicht sicher, ob ich ihr glauben konnte.
„Die SS-Weiber, von denen meine Mutter eine war, waren genau so schlimm wie die Typen,“ sagte Alli, alias Angelika Wagner, „sie sind mit Reitpeitschen in den Lagern rumgelaufen und haben Häftlinge angeschwärzt. Die Nazis und ihre Nazi-Weiber haben gefressen und gesoffen und sich ein feines Leben gemacht, während die Häftlinge ein Stück Brot und eine Kelle Suppe am Tag bekamen, gerade so viel, dass sie bei der Arbeit nicht tot umfielen.
Die Hauptaufgabe der SS-Frauen war es, sich von den SS-Bonzen schwängern zu lassen und erbgesunden Nachwuchs zur Welt zu bringen. Ich bin übrigens eine davon, garantiert arisch. Außerdem sollten sie den Druck von den Männern nehmen. „Immer schön die Beine breit machen,“ grinste Alli – „und dafür sorgen, dass die Gangster ihren Mordgeschäften entspannt nachgehen konnten. Und weil der erbgesunde Nachwuchs so wichtig war, war es erlaubt, ja sogar von Himmler gewünscht, dass sie Nebenfrauen hatten, die ebenfalls viele blonde kleine Nazijungs werfen sollten, wie die Karnickel. In unserem Fall hat das leider nicht so geklappt,“ sagte Alli sarkastisch, „ich war ein Mädchen, und die Nebenfrau von meinem Nazivater war Nico, erinnerst du dich? Aber sie wurde nicht schwanger, es hat einfach nicht geklappt.“
Eine Gruppe Schüler kam ins Cafe und Alli raffte ihre Sachen zusammen. „Wird mir zu voll hier,“ sagte sie.
Ich war ratlos, was sollte ich mit dieser Geschichte anfangen?
„Wo wohnst du denn jetzt? Kann ich dich irgendwo erreichen?“
Alli grinste und strich mir leicht über die Wange. „Du bist immer noch so ein naives Schaf wie früher,“ sagte sie, „der bewaffnete Kampf wird aus dem Untergrund geführt, ohne Adresse und Telefonnummer.“
„Welcher bewaffnete Kampf denn? Der Krieg ist doch vorbei.“
„Der Krieg vielleicht, aber alles andere ist noch da: Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, der ganze militärisch-industrielle Komplex. Und nicht zu vergessen die Frauenfrage, da sind wir auch noch auf dem Stand der Nazis.“
Sie zwinkerte mir zu, bevor sie verschwand und raunte: „Du warst die einzige Freundin, die ich jemals hatte, Liesel. Ich würde dich mit in den Untergrund nehmen, aber wahrscheinlich ist das nichts für dich.“
Alli verschwand in der Schülergruppe, die sich schwatzend in dem Cafe breitmachte, so plötzlich, als hätte sie sich aufgelöst.
Ich habe darüber keine Geschichte geschrieben, dem Chefredakteur war das Thema zu heikel, vor allem, als am 2. April 1968 in Frankfurt drei Kaufhausbrände gelegt wurden, in deren Folge Andreas Baader und Gudrun Ensslin verhaftet und wegen schwerer Brandstiftung verurteilt wurden. Ich las alles, was darüber berichtet wurde, aber der Namen Alice Wissmann tauchte nicht auf.
Viel später wurde im Zusammenhang mit der Rote Armee Fraktion der Name Angelika Walter genannt und ich sah sie auf einem der Fahndungsplakate der RAF: Ein briefmarkengroßes Foto von Alli, ähnlich denen der Suchkinder, mit schwarz umrandeten Augen und struppigen Haaren, böse, starr und verzweifelt.